Jan

„Eigentlich war ich immer der Dumme“, erzählt Jan. „Meine Eltern waren häufig besoffen und zugedröhnt. Und wenn sie sich stritten, was immer häufiger vorkam, dann bekam ich alles ab.“ Jan schweigt. „Und was passierte dann?“, hakt Ellen Meißner nach. „Wenn ich Glück hatte, dann wurde ich nur weggeschickt: ‚Hau ab!‘ Wenn es schlimmer kam, dann wurde ich angeschrien und beschimpft: ‚Du bist schuld! Hätten wir dich bloß abgetrieben. Dann hätten wir heute keine Probleme mehr!‘ Und wenn es ganz schlimm kam, dann gab es tagelang nichts zu essen, und das ganze Haus stank nach Pisse und Kotze, weil meine Eltern irgendwo völlig abgedreht im Schlafzimmer lagen. Dann musste ich mich mit meinen zehn Jahren um meine drei kleinen Geschwister kümmern, unsere Tiere versorgen und dann auch noch den Job meiner Eltern auf dem Nachbarhof übernehmen, damit bloß keiner etwas merkt.“

„Wie haben sie das alles geschafft?“ fragt Ellen Meißner. „Ich weiß es nicht genau“, sagt Jan. „Erst einmal habe ich alles getan, was getan werden musste. Bloß keine Polizei und keine Fürsorge! Das war mein Ziel. Denn ich hatte Angst, in ein Heim gesteckt zu werden. Dann habe ich mit 11 oder 12 Jahren angefangen zu rauchen und kurz darauf auch zu trinken, zuerst nur Bier und dann auch Korn. Zuhause war immer genug da. So fühlte ich mich stärker und besser. Dadurch ließ es sich wenigstens aushalten.“

„Hat das eigentlich niemand bemerkt?“ will Ellen Meißner wissen. „Doch, ich glaube schon“, überlegt Jan, „die Streitereien meiner Eltern war immer so laut, dass man es weit hören konnte. Aber es hat sich niemand darum gekümmert. Wir lebten in einem kleinen Dorf, etwa 50 km von Rostock entfernt. Und es ging allen schlecht. Jeder war mit sich selbst beschäftigt und froh, wenigstens halbwegs über die Runden zu kommen. Da kümmerte sich keiner mehr um die Probleme des anderen.“ Jan macht eine lange Pause.

„Als ich 14 war“, setzt er wieder an, „haben meine Eltern sich getrennt. Und kurze Zeit später hat mein Vater sich irgendwo in der Wildnis in seinem Auto durch Abgase umgebracht, während er die ganze Zeit mit meiner Mutter telefonierte. Da habe ich es zuhause nicht mehr ausgehalten und bin nach Rostock gefahren zu meinen Freunden. Die haben gleich gemerkt, wie beschissen es mir gerade ging, und mir erst einmal einen Joint gegeben. Damit ging es mir besser. Ich fühlte mich plötzlich ruhig und ausgeglichen. Der Tod und meine Mutter waren weit weg. Da bin ich erst einmal zwei Tage geblieben und habe noch ein paar Joints geraucht. Solange ging es mir gut. Aber dann bin ich zurück in unser Dorf gefahren. Und der ganze Stress fing wieder von vorne an.“
Jan holt tief Luft. „Seitdem habe ich vier Jahre lang ein Doppelleben geführt: Zuhause meine Mutter mit ihrer Wut und Trauer und ganz viel Alkohol und Koks, in Rostock die Realschule und meine Freunde und regelmäßig einen Joint. So konnte ich in Ruhe und ganz entspannt lernen. Meine Mutter hat schnell einen neuen Partner gefunden, aber mit dem war es genauso wie früher: Alkohol, Koks und Streit – und immer öfter auch Gewalt. Mit 18 hatte ich dann meinen Realschulabschluss in der Tasche und begann eine Ausbildung im Holzbau. Da bin ich zuhause ausgezogen und habe mir eine kleine Ein-Raum-Wohnung in Rostock genommen. Abends war ich nach der Arbeit völlig fertig, und am Wochenende war ich dann endgültig kaputt. Aber ich wollte nicht herumhängen, sondern mit meinen Freunden feiern. So habe ich das erste Mal Speed genommen. Da konnte ich richtig und lange feiern, ohne müde zu werden. Das war toll.“

Jan grinst verlegen, als er an diese Zeit zurückdenkt. „Doch dafür war ich dann montags regelmäßig zu müde, um meine Arbeit zu schaffen. Und als ich dann noch einmal richtig Scheiße gebaut hatte, flog ich aus dem Job und wurde arbeitslos. Und weil ich noch nicht lange genug gearbeitet hatte, bekam ich keine Stütze. Und das wenige, was ich noch hatte, brauchte ich für Speed und Alk. So wurde mir erst der Strom abgestellt und bald darauf die Wohnung gekündigt. Da war ich gerade 19 Jahre alt und wollte Schluss machen mit diesem Leben.“

Ellen Meißner fragt noch einmal nach: „Dachten sie da an Selbstmord?“ „Ja“, fährt Jan fort, „aber erst fehlte mir der Mut dazu, und dann habe ich mir gesagt: ‚Ich will nicht sterben, sondern leben!‘ Und so habe ich mir von meinem letzten Geld eine Fahrkarte nach Hamburg gekauft. Dort wollte ich die große weite Welt kennenlernen und noch einmal ganz neu anfangen. Und in Hamburg war viel los! Aber irgendwie bin ich dann zusammengeklappt und in der Nähe des Hauptbahnhofs leblos aufgefunden worden. So kann ich ins Krankenhaus. Dort gab es einen Sozialarbeiter, der viel mit mir geredet hat. Er hat mich schließlich dazu gebracht, freiwillig einen Entzug zu machen. Und so kam ich danach nach Toppenstedt.“

„Aber den Aufenthalt haben sie damals schon nach drei Monaten abgebrochen“, unterbricht Ellen Meißner. „Ja“, zögernd antwortet Jan, „ich wollte es alleine schaffen. Ich fühlte mich stark genug, mein eigenes Leben zu führen – ohne feste Regeln und regelmäßige Kontrollen. Deshalb bin ich einfach gegangen, erst nach Hamburg, dann nach Rostock und schließlich zu meiner Mutter. Denn irgendwo musste ich ja wohnen.“

„Wie haben sie die Rückkehr nach Hause erlebt?“ fragt Ellen Meißner. „Meine Mutter wohnte immer noch auf dem Dorf – alleine. Meine kleinen Geschwister waren inzwischen in zwei Jugendeinrichtungen gebracht worden. Und der neue Mann meiner Mutter war schon wieder abgetaucht, lag wohl in irgendeiner Gosse. Meine Mutter hatte keinen Kontakt mehr zu ihm. Erst ging alles gut. Ich lernte meine Mutter von einer ganz anderen Seite kennen. Sie konnte richtig nett und liebevoll sein, wenn sie nüchtern war. Das war schön. Ein-, zweimal die Woche, manchmal auch öfter hatte sie Männerbesuch. Da wurde getrunken und gekokst und miteinander geschlafen. ‚Irgendwo muss das Geld ja herkommen‘, hat meine Mutter zu mir gesagt. Doch an den Morgen danach war sie unausstehlich. Da haben wir uns oft gemeinsam das Leben schön getrunken. So habe ich wieder angefangen, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte. Und dann ging es immer schneller bergab mit mir, ein, zwei Jahre lang. Aber ganz hatte ich mich noch nicht aufgegeben. Und die Adresse von Toppenstedt hatte ich noch. So habe ich schließlich allen Mut zusammengenommen und angerufen, und Doktor Jennrich hat mir einen Platz zum Entzug vermittelt. Den habe ich gemacht. Und jetzt bin ich wieder hier. Diesmal will ich es wirklich schaffen. Denn es ist wohl meine letzte Chance…“ (Weiter: In der Gruppe)


Die beispielhaften Lebensgeschichten sind auf der Grundlage von anonymisierten Auszügen aus Fallprotokollen geschrieben werden. Alle Namen – sowohl die der PatientInnen als auch die der TherapeutInnen – wurden geändert. Die Fotos sind Symbolfotos, um die PatientInnen zu schützen.