Stefanie

Unruhig rutscht Stefanie auf ihrem Stuhl hin uns her. „In der Grundschule hatte ich immer Schwierigkeiten, still zu sitzen. Oft wurde ich deshalb ‚Zappelphilipp‘ gerufen, obwohl ich doch ein Mädchen war. Auch die Lehrerinnen meckerten mich immer wieder an: ‚Sitz still!‘, „Bleib ruhig!‘, ‚Melde dich erst, wenn du etwas sagen willst, und brülle nicht einfach los!‘ usw. Ich habe fast nur schlechte Erinnerungen an meine Grundschulzeit“, beginnt Stefanie.

„Was haben denn ihre Eltern gemacht?“, fragt Doktor Jennrich. „Mein Vater hat Maschinenbau studiert und war damals Projektleiter bei einem großen Metallbauunternehmen. Meine Mutter ist Betriebswirtin im Gesundheitswesen und war als Abteilungsleiterin bei einer Krankenkasse tätig. Beide haben viel und lange gearbeitet. Ich war deshalb schon früh im Kindergarten in einer Ganztagsgruppe. Und auch nach der Grundschule musste ich nachmittags in eine Schularbeitenbetreuung. Eigentlich habe ich meine Eltern in der Woche immer nur morgens und abends kurz gesehen. Da fühlte ich mich manchmal schon alleingelassen – vor allem, wenn die anderen Schulkinder erzählten, was sie nachmittags alles mit ihren Müttern oder Vätern unternommen haben.“

„Haben ihre Eltern mit ihren Lehrern gesprochen?“, will Doktor Jennrich wissen. „Eigentlich war es wohl eher andersherum“, antwortet Stefanie. „Unsere Klassenlehrerin hat meine Eltern bereits in der ersten Klasse zum Gespräch gebeten und in die Schule bestellt. Meine Eltern waren damals ziemlich sauer und haben mich sofort gefragt, was ich denn angestellt hätte. Aber ich wusste nichts. Hinterher haben meine Eltern berichtet, dass die Lehrerinnen sich über mein häufiges Stören beschwert hätten. Meine Eltern sollten dafür sorgen, dass ich ruhiger würde. Sonnst müsste ich die Schule verlassen. Dann sind meine Eltern mit mir zum Kinderarzt gegangen. Und der hat gleich die Diagnose ADHS gestellt. Also musste ich ab jetzt regelmäßig Tabletten einnehmen, um ruhiger zu werden und mich besser konzentrieren zu können. Das ging auch eine Zeitlang gut: Meine schulischen Leistungen wurden besser, aber in der Grundschule bleib ich der ‚Zappelphilipp‘. Und immer war ich Schuld, wenn es in der Klasse eine Unruhe gab oder irgendetwas kaputt ging.“

Stefanie holte tief Luft. „Das fand ich ungerecht. Aber ich konnte diesen Ruf erst abschütteln, als ich auf das Gymnasium kam.“ „Und dann wurde es besser?“, fragt Doktor Jennrich. „Zuerst ja“, beschreibt Stefanie ihre Schulzeit, „aber dann wuchs der Leistungsdruck auf dem Gymnasium immer mehr an. Ich nahm zwar weiterhin regelmäßig meine Tabletten und war einigermaßen ruhig und konzentriert. Aber ich entwickelte zunehmend Ängste, den Anforderungen nicht mehr zu genügen und zu versagen. Und manchmal wurde ich sogar ein wenig depressiv. Das merkte meine beste Freundin, die auf dasselbe Gymnasium ging, und sie lud mich eines Nachmittags auf einen Joint ein. Ich hatte vorher noch nie geraucht. Daher war mir zuerst kotzübel. Doch dann spürte ich, wie ich immer ruhiger, entspannter und gelassener wurde. Und diese Wirkung hielt mehrere Stunden an. So habe ich angefangen, zunächst vor Klassenarbeiten immer einen Joint zu rauchen. Die wurden bei uns in der Schule reichlich angeboten. Und dann wurde es irgendwie langsam immer mehr.“

„Haben ihre Eltern davon nichts gemerkt?“, fragt Doktor Jennrich. „Nein“, antwortet Stefanie, „meine Mutter raucht gelegentlich bei uns zuhause – so etwa bis zu einer Schachtel pro Woche. Daher fiel es ihnen nicht auf. Außerdem habe ich die Joints nie zuhause, sondern am häufigsten in der Schule geraucht. So blieben meine Leistungen stabil. Nur für das Abitur reichte die beruhigend Wirkung der Joints nicht mehr aus. Da habe ich es mit Amphetaminen probiert: Ich war topfit und leistungsfähig bis obenhin. Aber nach dem bestandenen Abitur bin ich zusammengeklappt. So kam schließlich alles heraus.“

„Und dann?“, hakt Doktor Jennrich nach. „Dann haben meine Eltern dafür gesorgt, dass ich ganz schnell in ein ruhiges Krankenhaus gekommen bin und eine Entziehungstherapie begonnen habe“, antwortet Stefanie. „Und so bin ich jetzt nach Toppenstedt gekommen.“ „Weil ihre Eltern es wollten, oder weil sie es selbst wollten?“ Doktor Jennrich schaut sie an. „Weil ich es will“, schaut Stefanie ihm fest in die Augen. „Ich habe eingesehen, dass Tabletten und Drogen mir meine innere Unruhe nicht abnehmen, sondern nur zudecken. Deshalb möchte ich nun lernen, selbst mit meiner Unruhe und meinen Ängsten umzugehen. Ich habe hier eine wichtige Chance dazu bekommen…“ (Weiter: In der Gruppe)


Die beispielhaften Lebensgeschichten sind auf der Grundlage von anonymisierten Auszügen aus Fallprotokollen geschrieben werden. Alle Namen – sowohl die der PatientInnen als auch die der TherapeutInnen – wurden geändert. Die Fotos sind Symbolfotos, um die PatientInnen zu schützen.