Julia

Julia zittert. Mühsam versucht sie, das Weinen zu unterdrücken. Doch dann bricht es aus ihr heraus: „Ich bin nur ein Stück Scheiße! Die Hauptschule habe ich abgebrochen. Eine Ausbildung habe ich nicht geschafft. Aus der Arbeit bin ich hinausgeflogen. Meine Mutter wollte mich umbringen. Mein Vater, mein Onkel und mein Freund haben mich geschlagen und vergewaltigt. – Und ich selbst habe nichts dagegen unternommen, sondern mich immer tiefer in die Scheiße hineingeritten.“ Juli ist in sich zusammengesunken, heult, zittert, wie von Krämpfen geschüttelt.

Ellen Meißner schweigt. Sie lässt Julia Zeit und wartet in Ruhe ab. Schließlich fragt sie: „Gab es in ihrem Leben auch positive Momente?“ Julia blickt auf. „Ja“, antwortet sie, „ganz am Anfang war es mein Vater. Er hat sich geweigert, mich in ein Kinderheim zu stecken, als meine Mutter mich loswerden wollte. Später war es dann mein Bruder. Er hat sich ganz viel um mich gekümmert. Er ist nur vier Jahre älter als ich, aber er war während meiner Kinderzeit so etwas wie Mutter und Vater zugleich für mich. Er hat mich zum Kindergarten begleitet oder abgeholt, er hat mir Essen gemacht und mich oft abends ins Bett gebracht. Er hat aus seinem Leben etwas gemacht und lebt jetzt in Australien. Aber aus mir ist nichts geworden!“

Julia schüttelt sich noch einmal und wird langsam ruhiger. „Jetzt haben sie einen neuen Anfang gemacht“, sagt Ellen Meißner, „und sind hier bei uns in Toppenstedt. Gemeinsam können wir daran arbeiten und ihnen helfen, das Leben wieder neu und ganz anders zu lernen.“ „Wirklich?“ fragt Julia und krempelt die Ärmel ihrer Bluse hoch. „Sehen sie diese Schnittlinien? Dreimal habe ich schon versucht, mich umzubringen durch das Aufschneiden der Pulsadern mit 14 und 16 Jahren und durch Tabletten mit 21 Jahren. Beim letzten Mal bin ich ins Koma gefallen und so gefunden worden. Meine Arme und Beine konnte ich nicht mehr spüren. Ich musste in einem Rollstuhl sitzen und mich sogar füttern lassen. Beim nächsten Mal wird es vielleicht endlich klappen…“

„Sie sind gefunden und gerettet worden“, nimmt Ellen Meißner den Gedanken auf. „Das ist jetzt fast acht Monate her. Seitdem haben sie sich ins Leben zurückgekämpft. Sie können sich heute wieder ganz normal bewegen. Sie haben eine Entgiftung gemacht und sich entschlossen, hierher nach Toppenstedt zu kommen. Damit haben sie gezeigt, dass sie einen anderen Weg gehen wollen.

„Und wenn ich es wieder nicht schaffe“, Julia zögert. „Im Augenblick sieht für mich alles noch grau aus. Ich fühle mich schwach und bin unsicher. Das ist ganz anders als früher. Zuhause habe viel Alkohol getrunken, um das alles auszuhalten. Angefangen habe ich mit neun oder zehn Jahren. Und mit zwölf war ich das erste Mal so betrunken, dass mir der Film gerissen ist. Das war in der Zeit, als meine Eltern sich immer heftiger gestritten und schließlich getrennt haben. Erst war ich bei meiner Mutter, dann bei meinem Vater. Nachdem der mich mehrmals vergewaltigt hatte, kam ich wieder zu meiner Mutter. Aber da wurde es auch nicht besser. So fing ich mit dreizehn Jahren an, Hasch zu rauchen, um mich wenigstens für einen kurzen Moment frei und unbeschwert zu fühlen. Und so mit vierzehn oder fünfzehn begann ich zu koksen. Freunde haben mich dazu gebracht und mich mit Stoff versorgt, sobald ich genügend Geld dafür zusammen hatte. Da ging es mir besser. Aber es hielt leider immer nur kurze Zeit an. Deshalb habe ich es etwa mit siebzehn Jahren zum ersten Mal mit Ecstasy probiert. Das war ein tolles Glücksgefühl, ich fühlte mich nicht mehr allein, und die ganze Welt war voller bunter Farben. So konnte es weitergehen…“

„Aber wenn die Wirkung nachließ, dann muss das Leben wieder schwarz und dunkel ausgesehen haben“, unterbricht Ellen Meißner. „Ja, das stimmt genau“, nickt Julia, „aber ich hatte immer wieder Freunde, die mir geholfen haben, das Gefühl des Bedrücktseins möglichst schnell wieder zu vergessen. Doch, wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich die ganze Zeit immer schlechter und schlechter. Deshalb habe ich zum dritten Mal versucht, mich umzubringen, um für immer aus der ganzen Scheiße herauszukommen.“

„Wie haben sich ihre Freunde eigentlich verhalten?“ fragt Ellen Meißner. „Ach die“, Julia zuckt mit den Schultern. „Für die war ich auch nur so eine, die alles dafür getan hat, um an Stoff zu kommen. Keiner hat mir wirklich geholfen! Meine Eltern haben mich nie in den Arm genommen und getröstet. Meine Freunde gaben mir den Stoff, um mit ihnen zu feiern, die Polizei sammelte mich immer wieder auf, und im Krankenhaus stopften sie mich mit Medikamenten voll. Aber niemand hat mich gefragt, wie es mir wirklich geht, oder sich mit mir unterhalten. Für alle war ich nur ein Problem, das sie möglichst schnell loswerden wollten. – Sie sind die erste, die mir wirklich zuhört. Das tut so gut!“

Julia macht eine Pause und denkt nach. Dann fragt sie: „Warum machen sie das eigentlich?“ „Ich glaube, dass in allen Menschen etwas Gutes steckt. Deshalb möchte ich ihnen helfen, diesen guten Kern zu entdecken und ihnen helfen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen“, antwortet Ellen Meißner. „Auch in ihnen steckt noch ganz viel Zukunft drin. Lassen sie uns beide danach suchen und daran arbeiten!“ „Danke“, lächelt Julia, „ich will es mit ihrer Hilfe versuchen, diese neue Chance zu ergreifen und zu nutzen…“ (Weiter: In der Gruppe)


Die beispielhaften Lebensgeschichten sind auf der Grundlage von anonymisierten Auszügen aus Fallprotokollen geschrieben werden. Alle Namen – sowohl die der PatientInnen als auch die der TherapeutInnen – wurden geändert. Die Fotos sind Symbolfotos, um die PatientInnen zu schützen.